Transgender: Der lange Weg zu „Cora“. Cora Wagner (52) kam als Bursch zur Welt. Sie erzählte der NÖN von ihrem Weg von Mann zu Frau.

Von Markus Füxl. Erstellt am 28. Juli 2021 (05:13)
Bezirk Zwettl - Transgender: Der lange Weg zu „Cora“
„Wichtig ist, Selbstbewusstsein zu zeigen. Die Gesellschaft ist weiter als viele denken“, sagt Cora Wagner, hier beim professionellen Fotoshooting.
privat

Eigentlich hat Cora Wagner zwei Geburtstage: Am 10. Dezember 1968 kam sie als Johannes Heinrich Wagner auf die Welt. Auf den Tag genau 52 Jahre später erfolgte die sogenannte Personenstandsänderung. Seither lebt Cora offiziell als Frau. Die 52-Jährige spricht exklusiv mit der NÖN über ihre Wandlung vom Mann zur Frau, Hindernisse während des Weges und wie ihr Umfeld reagiert hat.

Von Barbara zu Johannes zu Cora

„Ich habe uns noch schnell Bananenschnitten geholt, ich hoffe, das passt“, sagt Cora lächelnd, während wir beide in den Aufzug zu ihrer Wohnung in Groß Gerungs einsteigen. Wir sind gleich per du. Oben angekommen, fängt Cora an zu erzählen: „Ich hätte eigentlich ein Mädchen werden sollen, meine Eltern hatten schon den Namen ‚Barbara‘ für mich ausgesucht. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich so geworden bin.“

Cora kommt als Junge zur Welt. Dass sie anders ist als die anderen Burschen, merkt sie bereits im Kindergarten. Dort spielt sie lieber mit den Mädchen. „In der Pubertät war es schlimm für mich, die männlichen Hormone haben verrückt gespielt“, sagt Cora. Im Geheimen zieht sie sich Frauenkleider an: „Meine Mama hat mich einmal mit ihren roten Schuhen gefunden. Sonst war das aber kein großes Thema.“

„Frausein“ mit der Partnerin

Alles ändert sich, als Cora mit 19 Jahren ihre Lebensgefährtin kennenlernt. „Bei ihr musste ich nie richtig ‚Mann‘ sein“, erklärt die Groß Gerungserin. Die beiden kaufen gemeinsam im Urlaub in Spanien Kleider und Damenschuhe in Gmünd: „Dort kannte mich keiner.“ Offen ausleben durfte Cora ihre weibliche Seite in der Öffentlichkeit nicht, in den eigenen vier Wänden war das aber kein Problem.

Vor sechs Jahren zeigt sie einer Bekannten ihre Frauenschuhe. Die Freundin vermittelt Cora an die Freundin ihrer Tochter, die gerade die Ausbildung zum Fotografen absolviert. „Als ich als Frau Modell gestanden bin, wusste ich: Ja, das bin ich.“

Behörden unterstützen bei Wandel

32 Jahre lang geht die Beziehung mit Coras Partnerin, bis diese im März 2020 sagt, dass sie einen neuen Freund gefunden hat. Die Partnerschaft zerbricht.

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Mit Lippenstift, aber noch ohne lange Haare: Cora Wagners erstes Foto als Frau.
privat, privat

Wenige Monate später fasst sich Cora ein Herz und beantragt bei den Behörden eine Personenstandsänderung. Kein leichtes Unterfangen, denn dafür braucht man entsprechende psychotherapeutische, psychiatrische und psychologisch-diagnostische Befunde. Die Behörden stehen Cora aber zur Seite, sagt sie: „Sie waren total aufgeschlossen, ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt.“

Im Jänner ändert sie ihren Namen auf der Bezirkshauptmannschaft: „Zuerst habe ich an Barbara gedacht, aber ich kannte schon so viele aus meinem Umfeld mit diesem Namen.“ Ihre Exfreundin schlägt ihr „Cora“ vor: „Kurz, bündig und ein schöner Klang, das hat gleich gepasst“, sagt die 52-Jährige und strahlt.

Der erste Einsatz als Feuerwehrfrau

Mit der Personenstands- und Namensänderung müssen natürlich etliche Ausweise neu beantragt werden. Die neue Unterschrift muss Cora nie üben: „Das kam ohne viel Nachdenken.“

Vor kurzem hat sie auch ihren Feuerwehrpass bekommen. Das Hagelunwetter vor wenigen Wochen ist ihr erster Einsatz als Frau. Zuvor organisierte Cora zwischen 2011 und 2014 als Katastrophenhilfsdienst-Bereitschaftskommandant Übungen für bis zu 400 Floriani. Als Hobby singt Cora im Chor: „Jetzt als Sopran, weil ich die Kopfstimme kann. Als Mann sang ich noch Tenor.“

Hormone: Und dann kamen die Brüste

Seit Ende Jänner unterzieht sich die 52-Jährige auch einer Hormontherapie. Jeden Tag nimmt sie eine halbe Pille am Morgen, dreimal täglich sprüht sie sich ein Hormongel auf den Oberarm. „Das fährt voll ein. Der männliche Sexualtrieb war nach einer Woche weg, das ist so befreiend.“ Gleichzeitig wachsen Cora Brüste, die Stimme bleibt aber gleich: „Das müsste man operieren, ist mir aber zu riskant.“ Auch eine Geschlechtsumwandlung kommt für sie nicht in Frage.

Während ihrer Umwandlung lässt sich Cora die Haare länger wachsen, am Anfang trägt sie noch Perücke: „Da habe ich mich auch wohlgefühlt, sie hat mir Schutz geboten.“

Partnerin gesucht – mit schwarzem Humor

Welches Geschlecht sie bei der Partnerwahl bevorzugt? „Ich wünsche mir eine Frau. Ich suche zwar nicht verbissen, halte aber Ausschau.“

Präferenzen hat Cora bei ihrer zukünftigen Partnerin keine, einzig Humor muss sie haben – und der könne „ruhig auch etwas tiefer sein.“

Mit Hormonen Zeichnen gelernt

Seit ihrer Geburt hatte Cora Schwierigkeiten, gedachte Wörter in Schrift oder Sprache umzuwandeln. Erst 2014 entdeckt eine Psychologin, dass Cora unter einem pränatalen Syndrom aufgrund einer Fruchtwasservergiftung gelitten hat.

Bezirk Zwettl - Transgender: Der lange Weg zu „Cora“
„Wichtig ist, Selbstbewusstsein zu zeigen. Die Gesellschaft ist weiter als viele denken“, sagt Cora Wagner, hier beim professionellen Fotoshooting.
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Auch dabei hilft ihr die Hormontherapie: „Ich habe keine Probleme mehr und kann auch offen auf Leute zugehen“, sagt Cora, die mittlerweile als Immobilienfachberaterin arbeitet.

Seit der Hormongabe könne sie auch zeichnen – zuvor konnte sie nicht einmal einen Strich nachzeichnen. In einer Transgenderstudie wird außerdem untersucht, wie sich die Hormongabe auf den Blutzucker auswirkt.

Wie das Umfeld reagiert

„Ich fühle mich nicht als Transfrau, sondern als Frau. Ich habe mich äußerlich nur angepasst, damit die Leute mich so sehen können wie ich schon immer war.“ Auch wenn es Personen gibt, die immer wieder einen dummen Spruch fallen lassen, hat ihr Umfeld positiv reagiert: „Man unterschätzt die Gesellschaft. Wenn man das stolz nach außen trägt, wird man akzeptiert – auch von den Ewiggestrigen.“

Gegen diese Ewiggestrigen und für mehr Toleranz geht Cora am 19. Juni in Wien bei der Regenbogenparade mit: „Das Gegenüber nimmt dich so auf wie du bist. Die Gesellschaft ist weiter als viele glauben. Wichtig ist, den Leuten mit Selbstbewusstsein zu zeigen, wer und wie wir sind – und das voller Stolz.“

Oft führt dieser Stolz auch zu neuen Anfängen: Beim gemeinsamen Blick durch die Handyfotos fällt auf, dass Cora viele aktuelle Bilder mit ihrer Exfreundin hat. „Sie ist mittlerweile zu meiner besten Freundin geworden“, sagt sie und lacht.