Corona-Situation als Belastung für Psyche. Vormonate waren für viele belastend. Was sagen Psychologen aus dem Bezirk Zwettl zur Krise?

Von Markus Füxl und Anna Hohenbichler. Erstellt am 27. November 2020 (05:15)
Psychotherapie ist eine Anlaufstelle bei psychischen Belastungen.
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Nach außen sind sie meistens unsichtbar, auch innerlich nicht immer greifbar und nur ganz selten herauszuhören: Sorgen, Probleme und psychische Belastungen. Sie sind weniger offensichtlich als viele andere Auswirkungen der vergangenen Krisenmonate. Trotzdem sind sie da.

Was, wenn die globale Krise zur ganz persönlichen wird? Was machen Ausgangssperren mit der Psyche?

„Bei vielen meiner Klienten ist der Zusammenhalt in der Familie gewachsen.“ Psychologin und Psychotherapeutin Luzia Domesle

„Menschen lassen sich nicht gerne bevormunden, müssen aber aktuell mit einer Bevormundung zurechtkommen, die Spannung des Abwartens und der Unsicherheit ertragen. Das macht nervös und manche auch aggressiv“, erklärt Psychologin Gabriele Kastner.

Eine Entwicklung, die sich auch bei einer Zunahme der häuslichen Gewalt zeige, ergänzt Psychologin und Psychotherapeutin Luzia Domesle: „In dysfunktionalen Partnerschaften verschlechtert sich die Situation. Kontingente bei Notrufnummern wurden teilweise verdreifacht.“

Partnerschaften, die gut funktionieren, gehen laut Domesle aus der Krise aber gestärkt hervor: „Bei vielen meiner Klienten ist der Zusammenhalt in der Familie gewachsen.“

Stark eingeschränkt sind die Kontaktmöglichkeiten für Verwitwete, Geschiedene und junge Menschen, die noch keinen festen Partner haben. „Menschen sind soziale Wesen und brauchen soziale Kontakte“, erklärt Gabriele Kastner: „Viele haben gelernt, virtuelle Kontakte zu nutzen. Aber das Internet kann gemeinsame Erlebnisse nicht völlig ersetzen.“

Schwere Situation für Singles

Alleinstehende haben mit der Coronasituation besonders zu kämpfen, erklärt Domesle: „Praktisch alle Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen, sind jetzt weggefallen. Das ist ein großes Problem.“

Auch psychische Krankheitsbilder nehmen seit dem ersten Lockdown zu, zitiert die Psychologin eine Studie der Kremser Universität: „Die Zahl der Depressionen in der Bevölkerung ist von vier auf 20 Prozent gestiegen, die Angststörungen von fünf auf 19. Das ist eine Katastrophe.“

Kritik an Schulschließung und Maskenpflicht

Domesle kritisiert das Schließen der Schulen im aktuellen Lockdown: „Das Distanzlernen hat bei Kindern bis 14 Jahren schon im Frühjahr nicht gut funktioniert. Das stellen sich die Herrschaften in den Ministerien etwas anders vor, als es sich in der Realität darstellt.“

In den Familien würden sich die Belastungen zwischen Job, Haushalt und Homeschooling aufschaukeln – mit Folgen: „Es sind dadurch schon viele ins Burnout gerutscht“, sagt Domesle. Sie kritisiert auch die Maskenpflicht für Kinder: „Das ist ein Wahnsinn, was man den Kindern damit antut. Das schadet der Psyche, die Jüngeren haben Konzentrationsstörungen und leiden an Hyperaktivität.“

Vorhandene Probleme können sich unter dem Druck und der Isolation zu Hause verschärfen, erklärt Psychologin Gabriele Kastner: „Viele Menschen können mit Hilfe von Beschäftigung und Aktivität alte Traumata erfolgreich zurückdrängen und integrieren. Wenn das innere Gleichgewicht aber durch zusätzliche Belastungen aus dem Lot kommt, drängen oft die Emotionen, die sich aus früheren Belastungen speisen, an die Oberfläche und die verordnete Entspannung wird zur Quelle von Unruhe und Ängsten.“

Dazu kämen reale Ängste um einen selbst, um Mitmenschen, die finanzielle Existenz und den Zustand der Welt im Allgemeinen, betont sie.

Reden kann helfen, Terror nur selten Thema

Wenn die menschliche Psyche unter Sorgen, Problemen und Belastungen leidet, kann reden helfen: „Viele, die zu mir kommen, sind froh über die Möglichkeit, ihre Ängste und Sorgen aussprechen zu können ohne ihre Umgebung zu belasten“, sagt Kastner, und: „Frauen erlauben es sich eher, bei Ängsten und Überforderung Hilfe zu suchen – aber zunehmend tun das auch Männer.“

Wie belastend war der Terroranschlag in Wien für die Menschen in der Region? „Das war in letzter Zeit kein großes Thema in den Behandlungen. Die Waldviertler haben keine Angst, dass solche Anschläge auch bei uns passieren könnten“, erklärt Luzia Domesle.