Covid-Ergebnis in zwölf Minuten: Arzt im Interview. Der Groß Gerungser Arzt Alexander Pesendorfer über zu strenge Maßnahmen, neue Testmethoden und die Arbeit im Schutzanzug.

Von Markus Füxl. Erstellt am 22. Oktober 2020 (06:21)
Der Groß Gerungser Arzt Alexander Pesendorfer zeigt seinen neuen Antigenschnelltest. Damit haben Patienten nach zwölf Minuten ein Ergebnis, ob sie mit Corona infiziert sind oder nicht.
Markus Füxl

Seit zehn Jahren arbeitet Alexander Pesendorfer als Landarzt in Groß Gerungs. Seit kurzem bietet der Allgemeinmediziner in seiner Ordination einen Antigenschnelltest an. Dieser liefert in zwölf Minuten ein Ergebnis, ob jemand Corona-positiv ist, oder nicht.

Im exklusiven NÖN-Interview erzählt er von überzogenen Coronamaßnahmen in Schulen, wann wir mit einem Impfstoff rechnen können und warum manche Tests falsche Ergebnisse liefern.

Wie ist die Situation aktuell für die Hausärzte?

Pesendorfer: Im Moment gibt es keine Möglichkeit, Grippeimpfstoffe zu bekommen. Das macht mir Sorgen und ist eine Situation, die auch für die Patienten beunruhigend ist. Es gibt aber Hoffnung, die Politik ist dran. Die Organisation im Vorfeld war aber nicht ideal.

Was sind die Gründe für die extreme Knappheit?

Ich möchte keine Schuldzuweisungen machen. Die Wiener haben sehr früh sehr große Mengen bestellt. Das hätte man voraussehen können, dass der Bedarf steigen wird. Es gab ein Infodefizit. Auch beim Thema Corona ist nicht alles ideal gelaufen.

Was zum Beispiel?

Mir ist klar, dass es eine Ausnahmesituation ist. Dass wir aber noch immer nicht erfahren, wenn Patienten von uns positiv sind, ist untragbar. Das finde ich, Datenschutz hin oder her, nicht korrekt. Wir haben schließlich ohnehin eine Schweigepflicht.

Wir haben nach wie vor keine E-Card in Verwendung, um so wenig Kontakt wie möglich mit potenziell infektiösem Material zu haben.

Wie beurteilen Sie heute, über ein halbes Jahr später, die erste Phase des Lockdowns?

Dass wir Ärzte keine Schutzausrüstung hatten, war ein Problem. Wir haben vor kurzem eine größere Lieferung bekommen, vorher waren das kleinere Tranchen, einmal von der Kammer, einmal vom Land. Da ist jetzt glücklicherweise die Zuständigkeit geklärt.

Wie empfangen Sie Ihre Patienten, wann tragen Sie Schutzanzug?

Ich trage normalerweise den ganzen Tag über den Schutzanzug und die Maske. Wenn ein Patient sagt, er hat Fieber oder einen Infekt, dann bestellen wir sie am Ende der Ordinationszeit. Wir haben nach wie vor keine E-Card in Verwendung, um so wenig Kontakt wie möglich mit potenziell infektiösem Material zu haben.

Wie ist das Arbeiten im Ganzkörperanzug?

Es geht, im Sommer war es wegen der Hitze phasenweise extrem. Jetzt ist es erträglich. Wir machen viele Pausen und trinken regelmäßig. Ich versuche, so normal wie möglich zu arbeiten. Im Lockdown war die Empfehlung, nicht zum Arzt zu gehen. Nachdem wir jetzt gelernt haben, damit umzugehen, die Patienten zu trennen, damit sie maximal geschützt sind, ist es wichtig, dass alle kommen können.

Damals blieben viele daheim, Menschen mit Folgeerkrankungen mussten auf Behandlung warten. Wird das in der Praxis deutlich?

Es ist spürbar, dass die psychische Belastung enorm ist. Ältere Menschen, die ihre wenigen sozialen Kontakte verloren hatten, leiden nach wie vor unter der Situation. Wir haben mehr Depressionen und Angstzustände, auch bei den Jungen.

Die Corona-Ampel ist eine gute Sache, die schlecht begonnen hat.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Corona-Maßnahmen?

Was in manchen Schulen passiert, ist meiner Meinung nach zu viel: Dass bei Verdachtsfällen ganze Klassen geschlossen werden, halte ich für übertrieben. Es wird immer wieder Fälle geben, aber gerade die Jungen brauchen ihre Ausbildungszeit. Es ist auch nicht gut, dass in den Bezirkshauptmannschaften Quarantänen, Quarantänezeiten und Anlässe dafür unterschiedlich gehandhabt werden. Das sollte man vereinheitlichen.

Wie sehen Sie die Corona-Ampel?

Sie ist eine gute Sache, die schlecht begonnen hat. Es war am Anfang schwer verständlich, wurde immer wieder verwässert und overruled. An sich begrüße ich es, wenn es einfache und klare Regeln gibt, die jeder versteht.

Beim Eingang zu Ihrer Praxis hängt das Schild: „Corona ist noch nicht vorbei.“ Vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen: Befinden wir uns in einer zweiten Welle? Müssen wir Angst haben?

Es war zu erwarten, dass in der kalten Jahreszeit die Gefahr besteht, dass es wieder mehr wird. Wichtig ist, die zu schützen, die vital bedroht sind.

Sprich: Verstärkte Maßnahmen in Altersheimen und Spitälern?

Die ältere Bevölkerung, Personen mit Vorerkrankungen, mit Krebserkrankungen, Nierenleiden, Herzinfarkt-Patienten – auf die gilt es, aufzupassen.

Schutz in Altersheimen ist relativ leicht umzusetzen. Wie sieht es bei Personen mit Vorerkrankungen aus, Stichwort: Volkskrankheiten. Ist es im Kampf gegen Corona nicht schwierig, diese heterogenen Gruppen zu finden?

Diese Menschen sollte man so früh wie möglich ins Homeoffice schicken. Es würde schon reichen, Altersheime und Pflegeheime besonders zu schützen. Die Panik und diese massiven Maßnahmen könnte man machen, wenn es wirtschaftlich machbar wäre. Man darf der Jugend aber nicht die Zukunft erschweren, indem man die Wirtschaft kaputt macht.

Bieten Sie Coronatests in Ihrer Praxis an?

PCR-Tests biete ich bei mir seit vier Wochen an. Seit einigen Tagen habe ich auch einen Antigenschnelltest. Damit habe ich in zwölf Minuten ein Ergebnis. Ich hoffe, dass das bald eine behördliche Freigabe bekommt, damit würden wir uns irrsinnig viel Aufwand und Zeit ersparen. Die Zuverlässigkeit ist mit der von PCR-Tests gleichzusetzen. Die Sensitivität ist bei jedem Corona-Testverfahren von der Probenentnahme abhängig, das ist das eigentliche Kriterium.

Das heißt, die Fehlerquote bei den Coronatests ergibt sich dadurch, dass manche Proben, salopp gesagt, schlampig entnommen werden?

Ja, das muss man so sagen. Die Durchführung der Abnahme erfolgt nicht hundertprozentig so, wie sie sollte. Ich mache zum Beispiel den Abstrich aus beiden Nasenlöchern.

Wie ist Ihr Ausblick: Wird es einen zuverlässigen Impfstoff im Frühjahr 2021 geben?

Das wird noch eine zeitlang dauern. Es ist riskant, das so schnell und so früh zu machen. Eine Zulassung für einen Impfstoff dauert in der Regel mehrere Jahre. Das hat auch einen guten Grund: Man muss die Langzeitschäden im Hinterkopf haben. Die Forscher werden das aber gründlich machen, schließlich schaut die ganze Welt bei der Impfstoffentwicklung zu. Es würde auch die Bevölkerung nicht akzeptieren, wenn da Fragen offen blieben. Es fließt irrsinnig viel Geld, Druck und Wissen dort mit rein. Ich kann mir vorstellen, dass es im Frühjahr einen Impfstoff geben wird. Diesen in der nötigen Menge herzustellen, wird ohnehin noch dauern, das kann nur schrittweise gehen. Es wird dann immer wieder Leute geben, die sich aus Prinzip nicht impfen lassen. Die werden das Virus dann am Leben halten.

Eintritt zum Flugzeug oder zu Großveranstaltungen nur mit einer Corona-Impfung: Wie realistisch sind solche zukünftigen Szenarien?

Das muss letztendlich die Politik klären. Man muss aufpassen: Wir bewegen uns in eine Richtung, wo die persönlichen Freiheitsrechte schon sehr eingeschränkt werden. Das halte ich für bedenklich. Da muss man aufpassen, dass man nicht Schritte setzt, die vielleicht irreversibel sind. Zurück ist immer schwer.

NÖN: Noch ein Blick zurück: Was waren in den zehn Jahren als Landarzt in Groß Gerungs Höhepunkte?

Höhepunkte sind etwa, wenn man dramatische Krankheitsbilder rasch erkennt. Einmal kam eine Patientin mit einer Thrombose im Gehirn zu Fuß in die Praxis. Sie klagte über Kopfschmerzen. Das rechtzeitig zu erkennen ist ein Erfolgserlebnis.

Wie ging es für die Dame aus?

Sie ist noch immer meine Patientin und trug keine bleibenden Schäden davon. Es sind aber auch die kleinen Momente, wenn man etwa mit Leuten bei der Visite in der Küche zusammensitzt, die schon länger nicht mehr in die Ordination kommen konnten.