„Wollen nicht, dass Naturschutz zum toten Recht wird“

Erstellt am 28. April 2022 | 04:46
Lesezeit: 5 Min
NGO und Bürgerinitiativen hinterfragen Ausgleichsmaßnahmen zu Windkraftanlagen im Bezirk. WEB und Behörde reagieren.

Die Preise für Strom und Gas steigen, der Ruf nach dem Vorantreiben erneuerbarer Energien wird lauter. Ein Ausbau von Photovoltaik, Biomasse, Wasserkraft und Windkraft soll unabhängiger von globalen Entwicklungen machen. Gäbe es da nicht die Frage nach dem Standort: Gegen Windkraftanlagen hat es im Waldviertel mehrfach Widerstand gegeben.

Man sei für erneuerbare Energien, wolle den Wald und die Landschaft aber in ihrer Natürlichkeit belassen wissen, sagt Manfred Maier, Obmann der Umweltorganisation „Pro Thayatal“. Gemeinsam mit Günther Maier (Bürgerinitiative „Unsere Heimat“) und Michael Moser (IG Waldviertel) hat er zum Lokalaugenschein bei der Windkraftanlage bei Großgöttfritz gebeten.

Blick zurück: Ein (doch nicht) entscheidendes Gutachten

„Im Widerspruch zu allen naturschutzrechtlichen Vorgaben des Landes und der EU wurde die Windkraftanlage an diesem umstrittenen Standort fertiggestellt“, deuten sie in Richtung der vier Windräder, die im Jänner offiziell in Betrieb genommen wurden. Gemeint ist einmal mehr das Vorkommen des Schwarzstorches in dieser Gegend: Wie berichtet, hatten Bürgerinitiativen schon im Vorfeld der Bauarbeiten Bedenken wegen der geschützten Vogelart geäußert – und fühlten sich in einem von der Bezirkshauptmannschaft Zwettl in Auftrag gegebenen Amtsgutachten für Naturschutz bestätigt. Statt eines Rückbaus wurden im Gutachten Auflagen empfohlen.

Die W.E.B. hielt an dem Projekt fest – versprach aber, sich mit dem Gutachten sorgfältig auseinanderzusetzen. Genauso wie die Bezirkshauptmannschaft.

Mauschelei? Behörde & W.E.B. widersprechen

Dass die Anlage mit vier jeweils 200 m hohen Windrädern steht, könne nicht gesetzeskonform sein, meint Günther Maier. Denn: Eine Anfrage an die NÖ Amtssachverständige für Naturschutz zeige, dass es während der Nestbesetzungsphase des Schwarzstorches im Frühling 2021 „regelmäßige menschliche Aktivitäten, Bewegungen durch Baumaschinen und Lärmauswirkungen“ gegeben habe.

Die Ausgleichsmaßnahmen würden zudem nicht weit genug greifen, hätten schon vor Inbetriebnahme überprüft werden sollen. Michael Moser sieht ein „Zusammenspiel von Behörde und W.E.B.“: „Wenn das Projekt Schule macht und die Bezirkshauptmannschaft alles kritiklos genehmigt, braucht man sich für den Naturschutz nicht mehr einzusetzen.“

Die Anschuldigungen seien „vollkommen haltlos und entbehren jeglicher Grundlage“, betont Bezirkshauptmann-Stellvertreterin Margarita Wamser gegenüber der NÖN. Auch seitens der W.E.B. wird der Vorwurf dementiert.

Welche Folgen hatte das Gutachten also?

Auf Basis des Gutachtens aus dem Dezember habe die Behörde einen Bescheid zur Setzung einer „angemessenen Kompensationsmaßnahme“ – sprich die Errichtung und Erhaltung eines Ersatzhorstes – erlassen, sagt Wamser. Die angekündigte „intensive Auseinandersetzung“ sei passiert, sagt auch W.E.B.-Sprecher Christoph Spitaler zur NÖN. „Das Ergebnis ist ein Maßnahmenkonzept zur Förderung des Schwarzstorches, das mit Fachexperten und den zuständigen Sachverständigen abgestimmt wurde und von der W.E.B. im laufenden Betrieb umgesetzt wird.“ Die bauliche Umsetzung sei bereits abgeschlossen, zwei Ersatzhorste „in geeigneten Lebensräumen“ platziert worden. Und: Um den Vögeln Futterplätze bereitzustellen, habe man nördlich des Projektgebietes und in der Nähe der neuen Horste zusätzlich Nahrungshabitate mit über vier Hektar geschaffen. Erste Erfolge erwarte man hoch heuer.

Bisheriger Knackpunkt: Zeit der Brutplatzsuche

Nun ist aber Frühling – und wieder geht es für den Schwarzstorch an die Wahl des Brutplatzes. Das Gutachten hat deshalb eine zeitweise Abschaltung der Windräder vorgeschlagen. Zwei Windräder seien seit Anfang März und bis Ende April untertags vorsorglich abgeschaltet, weil sie sich in der Nähe eines Großhorstes befinden, sagt Spitaler.

„Sollte der Horst erfolgreich von einem Schwarzstorch bebrütet werden, bleibt die nächstgelegene Anlage bis Mitte August untertags außer Betrieb.“ Das Maßnahmenkonzept wird auch von der NÖ Umweltanwaltschaft bestätigt: Es solle den „geschaffenen Zustand mit den Interessen des Naturschutzes in Einklang“ bringen.

Seitens der Behörde beziehe man Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen nicht mit ein, etliche seit Dezember gestellte Anfragen an die Bezirkshauptmannschaft Zwettl seien noch unbeantwortet, kritisiert Manfred Maier (Pro Thayatal). Er habe um Informationen zu Gutachten und Bescheiden gebeten – und eine Erklärung, welche Schritte die Behörde in Bezug auf die Anlage gesetzt habe. Die NÖN bat die Bezirkshauptmannschaft um eine Stellungnahme dazu – diese langte bis Redaktionsschluss noch nicht ein.

„Traum vom Wohnen am Land zunichtegemacht.“

Markus Komertzky kommt zum Lokalaugenschein dazu. Er sieht sich am Ortsrand von Großgöttfritz durch die neuen Windkraftanlagen unmittelbar beeinträchtigt: „Wir hören je nach Windlage ununterbrochen die Geräusche der Generatoren. Abhängig vom Sonnenstand ist der Schattenwurf belastend. Die andauernde Schattenbewegung, das Surren der Räder und die blinkenden Positionslichter in der Nacht haben unseren Traum vom Wohnen am Land zunichtegemacht.“

Es gehe nicht gegen erneuerbare Energien oder Windkraft an sich, sondern um den Standort, betonen die Initiativen. „Wir sehen uns als Naturschützer und wollen nicht, dass der Naturschutz zu totem Recht verkommt“, sagt Manfred Maier. Moser sieht es ähnlich: „Wir wollen, dass das Waldviertel ein Naturviertel bleibt, stehen für Modellprojekte mit Augenmaß im Bereich der Biomasseproduktion und einen Ausbau der Photovoltaik auf Hausdächern.“

Erneuerbare Energien gegen Windkraft-Vorbehalte

Was sagt die W.E.B. zu dem Zwiespalt? Um die Abhängigkeit von Erdgas zu verringern, brauche es regional erzeugten Ökostrom – auch durch Windkraft aus Niederösterreich, sagt Christoph Spitaler: „Gerade das Projekt in Grafenschlag zeigt, wie sich Klimaschutz und Naturschutz vereinen lassen. Wir werten bei allen Projekten die Flächen in den Gebieten mit Naturschutzmaßnahmen auf.“ Die Klimakrise schreite auf Kosten der Natur voran, es brauche ein Miteinander von Klima- und Naturschutz. Zumindest in dem Punkt dürften sich alle Beteiligten einig sein.