Interview mit Folke Tegetthoff: „Wir wollen das Klischee aufheben“

Erstellt am 30. Mai 2022 | 04:24
Lesezeit: 4 Min
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Geschichtenerzähler Folke Tegetthoff ist mit seinem „Internationalen Storytelling Festival“ Stammgast in Schwarzenau.
Foto: Nikolaus Pfusterschmid
Der Geschichtenerzähler sprach mit der NÖN über moderne Erzählformen und die wichtige Qualität des Zuhörens.

Zum mittlerweile sechsten Mal tagt die bunte Welt der Geschichtenerzähler am 15. Juni in der Gemeinde Schwarzenau, genauer gesagt im Kulturstadl des Gasthaus Döller in Großhaselbach. Folke Tegetthoff ist mit seinem „Internationalen Storytelling Festival“ längst Stammgast im Waldviertel.

NÖN: Das „Storytelling Festival“ hat bereits lange Tradition. Wie kam es dazu, dass Sie gerade Schwarzenau als einen der fünf Standorte auswählten?

Folke Tegetthoff: Die Entstehungsgeschichte beginnt mit der Idee zu „Europa in Schwarzenau“ seitens der Gemeinde. Seit vielen Jahren schon wird dabei jedes Jahr ein anderes europäisches Land gewählt. Das ganze Jahr bezieht sich dann auf dieses Land. Straßenschilder werden angepasst, und es gibt jede Menge Kulturveranstaltungen zum Thema. Bürgermeister Karl Elsigan ist schließlich vor sechs Jahren an uns herangetreten, ob wir nicht im Zuge dessen auch mit dem Festival nach Schwarzenau kommen könnten, und wir fanden die Idee großartig.

Was ist der Grundgedanke hinter dem Festival?

Tegetthoff: Es geht darum, Künstler mit unterschiedlichsten Formen des Erzählens aus der ganzen Welt zu präsentieren. Die Zuseher sehen und hören dabei, wie faszinierend Erzählen eigentlich sein kann. Das ist eines meiner wichtigsten Anliegen: Das Klischee aufzuheben von der Oma im Schaukelstuhl, die Rotkäppchen erzählt! Dabei ist Erzählen eine sehr moderne und zeitgemäße Kunstform.

Auf was dürfen sich Besucher heuer freuen?

Tegetthoff: Das heurige Festival in Schwarzenau wird wie immer aus drei Veranstaltungen bestehen. Wir machen zwei „Matineen der fantastischen Geschichten“ für Schulen. Am Abend folgt die „Lange Nacht der fantastischen Geschichten“. Acht Künstler aus fünf Ländern sind mit dabei. Wir haben zum Beispiel das ungarische Duo Trillusion, das seine Geschichte mit Chello und Klarinette auf musikalische Weise erzählt. Der Geräuschpantomime Fabien Kachev feiert heuer Premiere in Schwarzenau – er ist einer der ganz großen Stars des Varietés. Er erzählt nur mit Geräuschen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Beim Objekttheater „El Retrete“ kommen dagegen unter anderem Luftballons beim Erzählen zum Einsatz. Alle diesjährigen Künstler werden zum ersten Mal in Schwarzenau zu sehen sein.

Auch Sie werden nach längerer Pause wieder auftreten, oder?

Tegetthoff: Ja. Ich war jetzt einige Jahre nicht mehr in Schwarzenau auf der Bühne. Nächstes Jahr erscheint ein neues Buch von mir, und bei der Gelegenheit kann ich schon mal einen kleinen Vorgeschmack geben.

Wie liefen die Vorbereitungen, auch im Vergleich zum Vorjahr?

Tegetthoff: Die beiden vergangenen Jahre waren natürlich im Vergleich viel schwieriger. 2020 mussten wir ganz absagen. Im Vorjahr konnte das Festival nach einer Verschiebung in den Herbst dann doch stattfinden. Man kann jedoch sagen, dass wir heuer zurück zur Normalität sind.

Was unterscheidet das Festival in Schwarzenau von anderen Standorten wie Graz oder Wien?

Tegetthoff: Was wir alle sehr schätzen, ist die besondere Atmosphäre im Gasthof Döller, die sehr „nahe“ ist. Im Grazer Schauspielhaus sitzen 600 Leute. Das ist sehr schön und groß, hat aber mehr Bühnencharakter. In Großhaselbach hat das Festival Wohnzimmercharakter, und das sticht heraus. Das heißt natürlich nicht, dass es in Wien im Museumsquartier nicht auch toll ist, nur halt anders. Großhaselbach hat aber diese einzigartige Atmosphäre. Standing Ovations und zig Zugaben gehören immer dazu.

Das Weltgeschehen ist aktuell aufgewühlt. Brauchen wir Geschichten in diesen Zeiten mehr denn je?

Tegetthoff: Absolut. Genau dafür steht unser Festival auch. Konflikte entstehen, wenn man einander nicht mehr zuhört. Das gilt sowohl im Kleinen zwischen Kindern und Eltern als auch auf der Weltbühne zwischen Ländern. Das effektivste Mittel, jemanden zum Zuhören zu bringen, ist und bleibt eine Geschichte. Da ist vollkommen egal, ob sie erfunden ist oder nicht. Sie dient ja eigentlich nur dazu, die Aufmerksamkeit des Gegenübers zu erwecken. Kommunikation ist alles. Was wir tun, ist für mich deshalb mehr als nur Kulturprogramm. Es hat auch eine sozialpolitische Funktion, und wir wollen etwas vermitteln. Ich hoffe zumindest immer, dass die Menschen mehr mit nach Hause nehmen als nur zwei nette Stunden Unterhaltung.