Stefan Ruzowitzky: „Liebe den Film wie ein Kind“ . Regisseur Stefan Ruzowitzky kam mit Hesse-Verfilmung „Narziss und Goldmund“ in die Waldviertler Kinos nach Zwettl.

Von Markus Füxl. Erstellt am 07. Juli 2020 (09:40)
Kino-Betreiberin Julia Gaugusch-Prinz (rechts) holte Stefan Ruzowitzky nach Zwettl. Die Schremserin Beate Kropik gewann ein „Meet & Greet“ und konnte dem Oscar-Regisseur einige Fragen stellen.
Markus Füxl

Oscar-Regisseur Stefan Ruzowitzky präsentierte am 5. Juli in den Waldviertler Kinos seinen aktuellen Film „Narziss und Goldmund“, der zum Teil im Stift Zwettl und auf der Burg Hardegg gedreht wurde. Im NÖN-Interview erzählte er von Herausforderungen des Drehs, seiner persönlichen Verbindung zu Stift Zwettl und sein nächstes Projekt.

NÖN: Sie haben seit 2014 an dem Film gearbeitet, der Kinostart war am 12. März, wenige Tage später hatten coronabedingt alle Kinos geschlossen. Was war damals ihr erster Gedanke?

Stefan Ruzowitzky: Es war ja ein wenig absehbar, man hat geahnt, es könnte übel enden. Ich scheue mich davor, zu viel Selbstmitleid aufzubringen. Menschen haben Freunde und Verwandte verloren, wirtschaftliche Existenzen sind in die Brüche gegangen. Das war ja bei mir nicht so. Mir tut es aber fürchterlich leid um den Film, weil ich ihn liebe wie ein Kind.

Sie sagen in Interviews, dass sie früher eine „Hesse-Phase“ hatten. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Buch verfilmt?

Ruzowitzky: Ich wurde konkret darauf angesprochen, ob ich Narziss und Goldmund machen wollte. Als 16-Jähriger habe ich das Buch geliebt, diese Themen: Freundschaft, Liebe, das Sinnliche. Dann habe ich den Steppenwolf gelesen und bin überhaupt nicht reingekommen. Das Zynische, überheblich Intellektuelle ist so gar nicht meins, weder im echten Leben, noch in der Literatur.

Als Vorbereitung auf den Dreh haben die beiden Hauptdarsteller mehrere Tage im Kloster verbracht. Haben Sie sich ähnlich vorbereitet?

Ruzowitzky: Ich habe durchaus einen Bezug zum Kloster und kenne Stift Zwettl in- und auswendig. Zu Beginn meiner Studienzeit habe ich dort als Führer gearbeitet, das war um 1980 zur Kuenringerausstellung.

Haben Sie sich bei der Suche nach den Drehorten an diese Zeit zurückerinnert und gedacht: Das ist es?

Ruzowitzky: Jein. Das ist eine hochkomplizierte Sache. Wir haben viele Regionalförderungen bekommen. Die Förderer wollen natürlich, dass man das Geld in der jeweiligen Region ausgibt. Es war klar, dass wir auch in Niederösterreich drehen werden. Wir haben uns viele Burgen angeschaut, dabei habe ich mich in Hardegg verliebt. Es war schwierig, eine mittelalterliche Kirche zu finden. In Österreich ist praktisch jede Kirche barockisiert, auch der Stephansdom. Dann ist mir Drosendorf eingefallen, dort gibt es eine mittelalterliche, leerstehende Kirche. Die haben wir für unsere Bedürfnisse umgestaltet.

Apropos Schwierigkeiten: Wie schwer war es, die Komparsen davon zu überzeugen, sich für den Film eine Tonsur schneiden zu lassen?

Ruzowitzky: Ach, da gab es schon welche, wir haben ihnen gut zugeredet. Es gab einige ältere Herren, wo es kein großer Unterschied war (lacht). Die Jüngeren haben es ganz lustig gefunden. Sabin Tambrea, unser Narziss, hat sich auch eine Tonsur schneiden lassen und ist dann immer mit einem Hut rumgelaufen. Einige Komparsen haben geschummelt und sich eine Haarkranz-Perücke aufgesetzt.

Ein älterer Film von ihnen führt über Umwege ins Waldviertel: „Die Siebtelbauern“ wurde zuletzt von der Theatergruppe Arbesbach aufgeführt.

Ruzowitzky: Ja, ich weiß! Ich habe eine Zeit lang in Linz gelebt und bin dort zur Schule gegangen. Das Mühlviertel ist ja ähnlich wie hier, eine eher rauhe Gegend und nicht das liebliche Voralpenland, sondern ein bisschen was für die Härteren (lacht). „Die Siebtelbauern“ wird relativ oft gespielt, es gibt viele Aufführungen zwischen Südtirol und Bayern. Ich muss gestehen, dass ich die Theaterfassung weder gelesen, noch eine Aufführung gesehen habe. Ich habe die Szenen des Films so fest im Kopf, dass ich glaube, es könnte mich enttäuschen.

Haben Sie bei den Dreharbeiten etwas über das Waldviertel, oder über die Waldviertler gelernt, dass Sie vorher nicht wussten?

Ruzowitzky: Das könnte ich nicht sagen (lacht). Es ist nicht so, dass ich zum ersten Mal hier war. Man hätte aber einen falschen Eindruck gewinnen können: Wir haben in einem unglaublich heißen Sommer gedreht. Jeden Tag hatte es weit über 30 Grad, das Gras war schon verbrannt. Das ist nicht das, was man mit dem Waldviertel verbindet.

Ihre Filmografie ist bunt durchmischt, dort findet man einen medizinischen Thriller genauso wie ein Pop-Musikvideo, jetzt ist eine Buchverfilmung dazugekommen. Nach welchen Maßstäben wählen Sie ihre Projekte aus?

Ruzowitzky: Es macht mir wahnsinnigen Spaß, mich in unterschiedlichen Genres auszuprobieren. Viele Kollegen stehen für eine bestimmte Art von Film, zum Beispiel Michael Haneke. Bei mir siehst du die Schrecken des Nationalsozialismus in „Die Fälscher“, gehst in den nächsten Film und sitzt bei der Hexe Lilli (lacht). Ich habe nicht ein großes Thema, an dem ich mich abarbeite.

Könnte das aktuell alles beherrschende Thema „Corona“ auch Stoff für einen Ruzowitzky-Film bieten?

Ruzowitzky: Durchaus, aber ich finde weniger das Medizinische spannend, als das Gesellschaftliche: Wie sich das plötzlich ändert, was in den sozialen Medien passiert ist und wie sich die Politik angestellt hat. Das war alles sehr interessant zu beobachten in einer so extremen Ausnahmesituation, die wir alle noch nicht erlebt haben.

Aktuell arbeiten Sie an „Hinterland“, einem Film über einen Kriegsheimkehrer um 1920. Hat sich das Coronavirus auf die Arbeiten ausgewirkt?

Ruzowitzky: Der Film ist bereits abgedreht, die Veröffentlichung verzögert sich aber ein bisschen. Wir haben den Film komplett in einer Bluebox gedreht. Alle Hintergründe werden nachträglich eingefügt. Die belgische Firma, die das macht, ist wegen Corona ein wenig verspätet dran. Das ist aber kein Drama, der Film hätte im September 2020 fertig sein sollen, jetzt wird es der Dezember.