Waldbaden: Der Unterschied zum Spazieren

Erstellt am 30. Jänner 2022 | 04:53
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Jeden Tag geht sie in die Natur und zwei bis drei Mal pro Woche gönnt sich Gerlinde Waldbauer ein ausgiebiges, duftendes Waldbad. Es ist ihre Methode, sich vom Alltag zu entspannen – bei jedem Wetter.
Foto: privat
Waldbaden so glaubt man, macht hier jeder. Doch: „Die Leute gehen zu wenig raus“, findet Fachfrau Gerlinde Waldbauer aus Langschlag.

Shinrin Yoku heißt der japanische Trend aus den 1980er-Jahren, der bei uns Einzug gehalten hat. Vom „Waldbaden“ ist die Rede, was in der Übersetzung aus dem Japanischen „Eintauchen in die Wald- Atmosphäre“ bedeutet.

Für sich entdeckt hat diese im japanischen Gesundheitswesen seit Jahren integrierte Methode der Entspannung Gerlinde Waldbauer aus Münzbach vor rund fünf Jahren im Internet. „Weil ich immer so gern spazieren gehe, hab ich über neue Wege und Plätze recherchiert, da bin ich auf das Waldbaden gestoßen“, erzählt die 38-Jährige. Sie arbeitet als Pflegeassistentin im Landesklinikum Gmünd und findet seit Jahren ihren Ausgleich zu Beruf und Alltag in der Natur.

„Ich hab selber bemerkt, dass mir der Wald gutgetan hat, und ich bin immer hinter meinem Haus in den Wald oder hab mir schöne Naturschauplätze ausgesucht, wie die Kraftarena oder die Klaus-Kapelle. Es gibt eh so viele schöne Platzerl bei uns“, schwärmt sie. Und auch in Gmünd, wo sie arbeitet, sieht sie sich immer wieder nach schönen Orten um.

Doch seit sie anfangs im Selbststudium durch Bücher und später durch die Ausbildung am LFI in Linz ihr Wissen über Waldbaden erweitert hat, bemerkt sie einen eklatanten Unterschied. Sie erholt sich durch das Anwenden der erlernten Techniken viel besser.

„Wenn es warm ist, gehe ich barfuß“

Den Unterschied zum normalen Spaziergang könne man sofort erkennen, wenn man ohne Zeitdruck und vor allem ohne Handy oder Musik per Ohrenstöpsel langsam durch die Natur spaziert. „Wenn es warm ist, gehe ich barfuß. Denn es geht im Grunde darum, alle seine Sinne zu aktivieren. Ich schau mir eine Waldfrucht oder ein Stück Rinde oder eine Baum-Nadel genau an, rieche daran, rieche an einer Handvoll Walderde oder am Moos und spüre es in meinen Händen und höre die Geräusche des Waldes“, so Waldbauer. Dazu gehöre, dass man sich bewusst und langsam in der ruhigen Atmosphäre bewegt und die Waldluft einsaugt.

Denn der besondere Erholungswert im Wald liegt laut Wissenschaft an den Terpenen, die von den Bäumen ausgedünstet werden. Terpene sind Pflanzenstoffe, über die Bäume kommunizieren und die – über die Atmung aufgenommen – immunsteigernde Wirkung auf den Menschen haben sollen. Dazu kommt, dass ein langsamer, bewusster Spaziergang durch den Wald helfen kann, seine Gedanken zu reinigen und Stress abzubauen. Das Waldbad sollte aber nicht zu kurz ausfallen! „Eine Stunde wäre schon gut, länger wäre besser“, weiß sie, die 2020 den LFI-Zertifikatslehrgang Waldbaden abgeschlossen hat und dies in der Gruppe anbietet.

Für den Selbstversuch empfiehlt sie: „Ich nehme mir einen schönen Spruch von daheim mit und lese ihn aufmerksam im Wald. Oder ich mache ganz bewusste Atemübungen und höre genau hin, welche Stimmen ich da im Wald höre“, so Waldbauer. Das Licht in den Baumkronen beobachten, ist nicht jedermanns Sache, da kenne sie auch noch andere Methoden: „Es geht darum, dass man länger im Wald drinnen bleibt, da kann man zum Beispiel ein Mandala aus Naturmaterialien auf dem Waldboden legen.“

Manchesmal nimmt sie etwas aus dem Wald mit, je nach Jahreszeit sind es Schwammerl oder Beeren, oder – wie erst kürzlich — einen kleinen Stein, den sie zu Hause auf ihren Tisch legt. „Wenn ich den dann anschaue, kann ich mir die Erinnerung an das Waldbad ins Haus holen.“ Man müsse heute mehr denn früher die Leute motivieren, in den Wald zu gehen. Beim Waldbaden in der Gruppe zeigt sie Techniken, die helfen, sich rascher zu entspannen. „Waldbaden ist sehr wichtig für mich, damit ich selbst in Zeiten von Corona gut abschalten kann. Das ist meine Auszeit von den Erlebnissen im Alltag.“