Erstaunliche Funde in der Zeitgeschichte

Erstellt am 30. Oktober 2022 | 04:56
Lesezeit: 3 Min
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Gerald Gaishofer, Johannes Prinz, Andrea Wiesmüller, Elisabeth Moll, Werner Siegl (stehend), Lukas Husa, Josef Prinz, Hanja Dämon, Friedel Moll, Stefan Eminger und Marius Weigl-Burnatzki wagten einen tiefen Einblick in die Zwettler Zeitgeschichte.
Foto: Sebastian Dangl
Eine weitere Etappe des Geschichtsforschungsprojektes der Stadtgemeinde wurde im Sparkassensaal präsentiert.

Mehr als vierzig Jahre sind seit der letzten großen Aufarbeitung der Zwettler Geschichte vergangen. Es war das Jahr 1980, in dem unter der Leitung von Walter Pongratz und Hans Hakala ein umfangreiches Werk zur Stadtgeschichte unter dem Titel „Zwettl – Niederösterreich“ erschienen ist.

Seit 2018 läuft deshalb das Projekt „Stadtgeschichte Zwettl“, um die Forschungen auf den neuesten Stand zu bringen. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden nun in mehreren Etappen präsentiert. Bei einer Präsentation im Vorjahr stand noch das 19. Jahrhundert im Fokus. Vergangene Woche holte die Gemeinde die Historiker, die sich intensiv mit der Zwettler Zeitgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts beschäftigten, auf die Bühne. Das Ziel: Die Zwettler Zeitgeschichte aktualisieren und dabei neutraler an die Sache herangehen, als es noch 1980 der Fall war. „Der Zweite Weltkrieg war damals noch deutlich präsenter, und viele hatten noch direkt beteiligte Familienmitglieder“, erklärte Stadtarchivarin Elisabeth Moll zu den Hintergründen der neuen Aufarbeitung. Eine objektive Forschung sei deshalb heute viel besser möglich. Außerdem wurden dieses Mal nur externe Forscher engagiert.

Die schwierige Suche nach Quellen

Aufgrund der zeitlichen Nähe mussten sich die Wissenschaftler aber auch mit einer besonderen Herausforderung auseinandersetzen. „Geschichte lebt, aber Zeitgeschichte dampft“, meinte der Historiker Josef Prinz, der die Forschungen gemeinsam mit Stefan Eminger leitet. Mit „Dampf“ seien die Forschungsquellen gemeint, die aus Datenschutzgründen oftmals noch gesperrt seien.

Trotzdem stießen die Forscher auf so einige überraschende Entdeckungen. So berichtete der Historiker Marius Weigl-Burnatzki von ukrainischen Flüchtlingen. Allerdings nicht von jenen des heutigen Ukraine-Russland-Konflikts, sondern von jenen, die 1914 nach Zwettl kamen. Auch im Ersten Weltkrieg flüchteten zahlreiche Menschen aus der westlichen Ukraine, die damals noch zur k.u.k.-Monarchie gehörte, nach Österreich. Damals sei die Hilfsbereitschaft der Zwettler aber deutlich geringer gewesen als heute. „Das zeigt aber, dass sich eine Gesellschaft verändern kann, und Zwettl ist der Beweis dafür“, meinte Weigl-Burnatzki.

Zwettl war Zentrum der Nazis, lange vor dem Anschluss

Josef Prinz schilderte unterdessen das Aufkeimen der deutsch-völkisch-konservativen Bewegung in der ersten Republik. Diese war in Zwettl besonders stark ausgeprägt, was unter anderem 1933 zum ersten nationalsozialistischen Bürgermeister im Waldviertel führte, Franz Beydi.

Die Bevölkerungsentwicklung der vergangenen 100 Jahre demonstrierte Lukas Husa. Dass die Bevölkerungszahl im Bezirk seit vielen Jahren schrumpft, ist kein Geheimnis. Etwas verwunderlich sei aber, dass die Stadt Zwettl selbst seit 1910 im Wachstum ist. Die Zahl der Einwohner erhöhte sich sogar seitdem um 38 Prozent.

Eine reiche Geschichte an Denkmälern

 Hanja Dämon beschäftigte sich mit der Kulturgeschichte und den Denkmälern der Stadt. So erklärte sie die Hintergründe zu einer gescheiterten Namensänderung zu „Zwettl am Kamp“ im Jahr 1958 und die Debatte um das Denkmal von Friedrich Ludwig Jahn, einer tief im deutschen Nationalismus verankerten Persönlichkeit. Ein weiteres umstrittenes Denkmal sollte für Walter von der Vogelweide am Neuen Markt errichtete werden, wurde aber nie umgesetzt.

Die gesamten Forschungsergebnisse können auf der Homepage der Stadtgemeinde nachgelesen werden. Eine Gesamtpräsentation aller zeitlichen Forschungsetappen soll zudem im Oktober 2023 stattfinden.